Zwischen Toten Hosen und Früh-Kölsch
Publikationsorgan des Monats: „Der Bundschuh. Zeitung der Fachschaft Geschichte Köln“ (ca. 1970er–1999)
von Helen Sotowic, Vorsitzende der Fachschaft Geschichte Köln
Das Philosophikum der Universität zu Köln sah im April 1992 in großen Teilen nicht wesentlich anders aus als heute, 33 Jahre später. Zwar gab es die modernen Einbauten noch nicht, doch den brutalistischen Grundbau aus Beton schon. Außerdem stand dort ein Tisch, den es heute aufgrund von Brandschutzregeln wohl nicht mehr geben könnte: ein Tisch der Fachschaft Geschichte mit orangener Tischdecke und einem selbst gesprühten Schriftzug. Hier lagen Bücher, die im Namen des „Andern Buchladen“ verkauft wurden, Erstsemester-Hefte – und das fachschaftseigene Publikationsorgan: Der Bundschuh. Die Zeitschrift beschrieb sich selbst „als Forum für ‚Auseinandersetzungen‘ um historische, zeitgeschichtliche und tagespolitische Themen“. Als Sprachrohr der Fachschaft Geschichte war sie eine Plattform, um gesellschaftliche Ereignisse, Entwicklungen in der Geschichtswissenschaft und Neuigkeiten am Historischen Seminar zu diskutieren.
In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten sich Fachschaften in Deutschland zu einer der zentralen Säulen hochschulpolitischer Partizipation. Sie grenzten sich dabei vor allem von den traditionellen Studentenverbindungen des 19. Jahrhunderts ab und sahen sich als Vertretung aller Studierenden ihres jeweiligen Faches. Um ihre zumeist demokratische, offene und progressive Ausrichtung zu artikulieren, gründeten einige von ihnen eigene, oft kurzlebige und individuelle Publikationsorgane. Für die Kölner Geschichtsstudierenden war dies Der Bundschuh.
Seit den 1970er-Jahren und mindestens bis Ende 1999 entwickelte sich Der Bundschuh durch seine lange Lebenszeit zu einer festen Größe. In den 1990er-Jahren einmal pro Semester in einer Auflage von 1000 Stück erschienen, wurde der Druck des Bundschuh durch den Kölner AStA finanziert. Damit war das Blatt kostenlos für seine Leser:innen erhältlich. Damals wie heute bildete die Fachschaft die Vertretung der Studierenden des Fachs Geschichte – und an sie richtete sich auch die Zeitschrift. Das Historische Seminar zählte zu dieser Zeit ca. 4.163 Studierende, von denen, gemessen an den verteilten Vorlesungsverzeichnissen, etwa 2.000 als „aktive Studierende“ galten. Auch Mitarbeitende des Historischen Seminars gehörten zu der Leser:innenschaft. Für den Inhalt zeigten sich die stetig wechselnden Mitglieder der Fachschaft verantwortlich, die sich jeweils durch einen besonderen Ton auszeichneten. So wurden die Redakteur:innen häufig nur bei ihren Spitznamen genannt, das Vorwort stets humorvoll und szenisch verfasst – und in einer Danksagung beispielsweise „den Toten Hosen sowie der Früh-Brauerei für Inspiration und Unterhaltung während der Redaktionsschlacht“ gedankt. Die Autor:innen nahmen sich selbst nicht zu ernst – und behandelten dennoch ernste Themen. Der Fokus des Bundschuh lag dabei vor allem auf vier zentralen Themenfeldern.
Erstens behandelte das Organ für seine historisch interessierte Leser:innenschaft geschichtswissenschaftliche Themen. Olaf Stieglitz und Manuel Schüren schrieben in der Ausgabe vom Januar 1990 zum Beispiel einen Bericht über Marxistische Sozialgeschichte in Großbritannien, in dem sie unter anderem Eric Hobsbawm als „Geheimtip [sic!]“ „in HistorikerInnen-Kreisen“ vorstellten und dafür plädierten, dass „weder die Qualität des historischen Diskurses noch der Spaß am Studium […] darunter leide[n würden], solchen Leuten auch in unseren Vorlesungsverzeichnissen einmal zu begegnen“. Außerdem beinhalteten viele Ausgaben Rezensionen neu erschienener wissenschaftlicher Publikationen oder Auseinandersetzungen mit aktuellen Forschungstrends.
Zweitens widmete sich das Blatt politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Gegenwart. Zwar betonte die Redaktion, dass namentlich gekennzeichnete Artikel nicht zwingend die Meinung der gesamten Fachschaft widerspiegelten. Grundsätzlich jedoch dominierten beim Bundschuh Standpunkte von klassisch marxistischen über demokratische bis hin zu liberalen Interpretationen. Besonders der Mauerfall und die Diskussion der darauffolgenden „Deutschen Frage“ bestimmten mehrere Ausgaben. Neben einem Erlebnisbericht von Hildegard Maas, die im November 1989 zufällig in Rostock gewesen war, beinhaltete die Ausgabe von Januar 1990 einen Gastbeitrag der SoZ-Mitarbeiterin (Sozialistische Zeitung) Angela Klein, in der sie fragte: „Wann jagen wir unfähige Betriebsleiter aus dem Betrieb, unfähige Rektoren von den Universitäten und nehmen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand? Da gibt es viel zu lernen, vieles, was den Sozialismus auch bei uns zu einer konkreten Utopie machen könnte.“ In der darauffolgenden Ausgabe des Bundschuhs von Juni 1990 wurde dann wiederum der Artikel Kleins ausführlich diskutiert, da dieser „sowohl in der Fachschaft als auch bei einigen LeserInnen […] einige Kritik ausgelöst“ habe. Der Text wurde schließlich in zwei Kommentaren aufgegriffen, die von Fachschafts-Mitgliedern verfasst und als „Nationalismus I. (die Linken sind doof!)“ und „Nationalismus II. (die Rechten sind doof!)“ betitelt wurden. Facettenreiche Diskussionen politischer Fragen richteten sich – wie hier – also deutlich nach den Ereignissen der Zeit und beleuchteten dabei differenzierte, und dennoch links geprägte, studentische Perspektiven.
Eine Besonderheit des Bundschuh als Organ der studentischen Selbstverwaltung zeigt sich im dritten Fokuspunkt: der Offenheit zur Auseinandersetzung miteinander und mit der eigenen Leser:innenschaft. Immer wieder wurden Leser:innenbriefe von Studierenden und Mitarbeiter:innen des Historischen Seminars abgedruckt. So formulierte etwa Holger M. Meding – damals Doktorand – in der Januar-Ausgabe von 1991 eine Entgegnung zu einem Artikel von Michael Kemmerling über kontrafaktisches Geschichtsdenken. Darin webt Meding ein festes Netz an Gegenargumenten, stellt die Seriosität dieser Geschichtsschreibung in Frage und kritisiert: „Kemmerlings Angriff auf die etablierte Geschichtswissenschaft geht somit vollkommen ins Leere, weil er nicht etwa bornierte Faktenhuberei von Elfenbeintürmlern attackiert, sondern an den Grundpfeilern der Aufklärung nagt.“
Ein anderes Beispiel für die Auseinandersetzung am und mit dem historischen Seminar ist ein Interview mit Wolfgang Schieder, damals Professor für Neuere und Neueste Geschichte, das für die April-Ausgabe 1992 von Torsten Sotowic und Olaf Stieglitz geführt wurde. Das Gespräch bot Schieder kurz nach seinem Amtsantritt in Köln die Möglichkeit, sich den Studierenden vorzustellen. Die Fragen bezogen sich auf seine Entscheidung, nach Köln zu kommen, seine Forschung, seine Einstellung zu Lehre und den Kontakt zu den Studierenden, den er als Belastung beschrieb, die aber notwendig sei. Die Fachschaft selbst kommentierte das Interview: „[E]inige Punkte in Ihren Antworten stießen uns gelinde gesagt sauer auf.“ Die Zeitschrift bot der Studierendenvertretung somit auch Raum zur Kritikäußerung. Zum ironischen Ton der Zeitschrift passend, wurden im Januar 1994 Kurzkritiken gedruckt, in der die Dozierenden unter Spitznamen wie „House of Kolb“ (Prof. Dr. Eberhard Kolb) für ihre Leistung im Semester benotet und mit Begriffen aus der Musikindustrie beschrieben wurden. Einige nahmen kein Blatt vor den Mund: „Public Lux: der übliche paranoide Kram […]. Unverständlich, daß er immer neue Plattenverträge kriegt ([Schulnote]6)“.
Dazu, und dies ist der vierte Aspekt, bot Der Bundschuh der Fachschaft einen Ort zur Eigenwerbung. Hier wurde regelmäßig zu Fachschaftssitzungen und Vollversammlungen sowie zu Veranstaltungen geladen – wie zum Beispiel zu einem Vortrag zum Thema „Frauen im Islam“ oder einer „Frauengeschichts-AG“ in Zusammenarbeit mit dem Frauengeschichtsverein. Außerdem äußerte sich die Zeitschrift zu hochschulpolitischen Themen, die über Aktivitäten am Historischen Institut hinaus gingen, wie etwa ein Streik der Studierenden, durch den im Januar 1994 eine Woche lang keine Lehre am Philosophikum stattfinden konnte. Auch Aspekte wie Gremienarbeit, Universitätswahlen und von der Fachschaft formulierte Resolutionen wurden verbreitet, um den Studierenden die Arbeit der Fachschaft nahezubringen. In manchen Ausgaben fanden sich auch Fotos der Mitglieder der Fachschaft, die sich und ihr Programm der Leser:innenschaft vorstellten. Der Bundschuh diente mithin auch dem hochschulpolitischen Engagement und der Sichtbarkeit der Fachschaft.
Bislang wurden Fachschaften als studentische Institutionen hochschulpolitischer Organisation kaum in der Geschichtswissenschaft behandelt. Der Bundschuh bietet eine Möglichkeit, diese Lücke zu füllen. In der Arbeitsstelle für Geschichte der Publizistik liegen Originalausgaben dieses Publikationsorgans für den Zeitraum von Januar 1990 bis Dezember 1999 zur Einsichtnahme bereit. Als historische Quelle bietet er erkenntnisreiche Einblicke in die Praxis studentischer Selbstverwaltung, den Alltag des Geschichtsstudiums am Historischen Seminar und das stets spannungsreiche Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrkräften. Aber auch jenseits eines solch universitären Kontextes öffnen sich mit dem Bundschuh Möglichkeiten, der Wahrnehmung und Interpretation politischer Großereignisse durch angehende Historiker:innen nachzuspüren und deren Teilnahme an fachlichen Methodendiskussionen sichtbar zu machen.
Diese Ausgabe des Publikationsorgans steht hier zum Download (als PDF) zur Verfügung.
