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Publikationsorgan des Monats: Oktober '25

Sex, Jazz, Konsum und Gesellschaftskritik am Puls der 1960er-Jahre

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Typische twen-Titelblätter aus den 1960er-Jahren
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Heft Nr. 4, Jg. 3, "Dies Heft ist gefährlich meinen unsere Gegner und was meinen Sie?"

Publikationsorgan des Monats: „twen“ (1959-1971)

Die twen, so urteilte ein erboster Leser in der dritten Ausgabe der Zeitschrift von Oktober 1959, sei „der richtige Beweis für die Dekadenz und die Degenerierung der Menschen unserer Zeit.“ Für die Mitarbeiter der Zeitschrift gelte ohnehin das Motto: „Was heißt hier schlechte Beeinflussung der Jugend, die Hauptsache für uns ist doch, daß wir einen Haufen Geld dabei verdienen!“ Der Autor des Leserbriefes, der „den großen Fehler“ begangen habe, für die Zeitschrift eine Mark ausgegeben zu haben, schien sich sicher, sein Urteil würde „nicht in Ihrer Reklame-, Sexual-, Halbstarken-, Snob-, usw. -zeitschrift veröffentlicht werden.“ Doch genau das tat die twen, und druckte sogar ein wenig selbstironisches Postskript: „PS: Was ihre Leser und Leserinnen angeht, so kann ich nur sagen, daß sie mir leid tun hinsichtlich ihres Geisteszustandes.“ Ein anderer in demselben Oktoberheft abgedruckter Leserbrief zeichnete dahingegen ein positives Bild der Leserschaft. Diese sei gerade aufgrund ihrer „Verrücktheit“ humorvoll und aufmerksam, denn sie würde „nicht mit Scheuklappen durch die Welt“ laufen – anders als die „ältere Generation zur Zeit des Autobahnbaus: Hitler hatte auch seine guten Seiten, nicht wahr?“. Die twen, so lobte der Verfasser des Leserbriefes, ein 23-jähriger Arbeiter, sage im Gegensatz zu seiner Elterngeneration „die Wahrheit“: „Du stellst Ansprüche an Deine Leser. Mach weiter so, wir brauchen so etwas.“

Diese Leserkommentare stehen für die Bandbreite der Rezeption, welche die Zeitschrift twen erfuhr: von der Verurteilung der Konsumorientiertheit und sexuellen Freizügigkeit der Zeitschrift bis zum Lob für ihre Thematisierung der anti-autoritären Protestbewegung „Außerparlamentarische Opposition“ (APO) oder auch der kontroversen Existenz der Paragrafen 175 und 218 des Strafgesetzbuches, die „homosexuelle Handlungen“ und Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellten. Das Programm der twen, die mit ihrem quasi-anglizistischen Titel die „Twens“ (‚Zwanzigjährigen‘) der Bundesrepublik ansprechen wollte, griff die Auf- und Umbruchthematiken der 1960er-Jahre auf, was lange nicht jedem Leser und jeder Leserin gefiel.

Gegründet wurde das Magazin von den Graphikern und Journalisten Adolf Theobald, Willy Fleckhaus, Rolf Palm und Stefan Wolf 1959 in Köln. Der Rheinländer Theobald hatte seine journalistische Karriere beim Rheinischen Merkur begonnen, für zwei Jahre die Redaktion des Sprachrohrs der Jungen Union, Die Entscheidung, übernommen, und ab 1957 die erfolgreichste deutsche Studentenzeitschrift, Student im Bild, herausgegeben. Auch der aus Köln stammende Rolf Palm war neben der twen journalistisch tätig, er schrieb für den Kölner Stadt-Anzeiger, den stern und die QUICK. Es war jedoch besonders der 1925 im Bergischen Land geborene linke Katholik, Pazifist und autodidaktische Graphikgestalter Willy Fleckhaus, welcher der twen als „Art Director“ ihre „radikale Optik“ verpasste [F.A.Z. 21.03.2025]. Er hatte ab 1953 die künstlerische Leitung der gewerkschaftlichen Jugendzeitschrift Aufwärts innegehabt und gestaltete 1963 die Taschenbuchumschläge der edition suhrkamp in ihren markanten, den Regenbogen imitierenden 48 Spektralfarben.

Fleckhaus’ Titelblätter sind ‚Eye-Catcher‘: Tiefschwarz mit weißer, manchmal grell-bunter Schrift im Stil der 1954 von Walter Haettenschweiler entworfenen schmalfette Grotesk, im Zentrum des Titelblattes meist Fotographien junger Frauen. Innerhalb der Zeitschrift fallen die großflächigen, ab 1962 in Farbe gedruckten Fotographien auf, die häufig eine Doppelseite einnehmen oder in Rastern, Gruppierungen und Schnitten das Magazin dominieren, sich nicht an die Grenzen des Zeitschriftenbundes halten, und so die Übergänge zwischen Werbung und Redaktionstexten fließend bis unsichtbar werden lassen. Die Mitarbeit international bekannter Fotografen wie Irving Penn, William Klein oder Bruce Davidson sowie der später einflussreichen Fotoessayisten Christa Peters, Frank Horvat und Will McBride zementierte die ganz eigene „visuelle Grammatik“ [F.A.Z. 21.03.2025] der Zeitschrift, die sich weder als Illustrierte noch als Foto-Magazin klassifizieren lässt. Die Illustrationen des Künstlers Heinz Edelmann, der als Grafiker unter anderem am Playboy und dem Beatles-Film Yellow Submarine arbeitete, rundeten das Design der twen ab.

Die internationale Ausrichtung des Magazins endete nicht bei der Fotographie. Neben Texten und Besprechungen deutscher Autorinnen und Autoren wie Irmgard Keun, Günter Grass, Bertolt Brecht, dem jungen Dichter Enzensberger, Max Frisch, oder selbst dem „olympischen Großvater“ des Deutschunterrichts, Johann Wolfang Goethe, bot es Texten aus internationaler Feder Raum. So warb es im neunten Heft 1960 für einen Beitrag des späteren amerikanischen Pulitzer-Preisträgers Norman Mailer, der nach Aussage der Zeitschrift als Mitglied der „Gangs von New York“ für die twen „die Geschichte der Halbstarken“ geschrieben hatte. Auch die Amerikaner Truman Capote (In Cold Blood), Richard Wright (Black Power), Arthur Miller (Death of a Salesman) und J.D. Salinger (The Catcher in the Rye) lieferten für die twen verfasste Texte oder Exzerpte aus ihren Werken, die in deutscher Übersetzung abgedruckt wurden.

Durchaus unüblich für die Adenauer-Republik rückte die twen in ihren Anfangsjahren wiederholt das Erbe der deutschen NS-Vergangenheit in den Fokus. So thematisierte der Artikel „Kann man in Deutschland leben?“ der amerikanischen Jüdin M. Meyersohn die Frage nach dem Verhältnis von Deutschen und Juden zu Beginn der 60er-Jahre: „Es ist ein unnatürliches Verhältnis. Entweder macht man uns zu Heiligen oder man verachtet uns, wenn nicht lautstark, so doch mit stummer Deutlichkeit“ (H. 7, 1961). Nicht nur im Bereich der aufkommenden Vergangenheitsbewältigung hatte die Zeitschrift den Finger am Puls der Zeit. Neben Berichten über alternative Lebensmodelle in Kommunen (H. 4, 1969) oder die neusten Jazz-Alben, stellte sie die Frage nach der Notwendigkeit des Bestehens der allgemeinen Wehrpflicht oder auch der politischen Beziehung zum Ostblock. Zur Bundestagswahl 1961 behandelte sie unter anderem die „Diskussion mit drüben”, den Menschen in der DDR, und stellte zur Debatte, ob es „für einen Staat, der die Rede- und Meinungsfreiheit als Grundrecht anerkennt”, nicht unabdingbar sei, „Gelegenheiten zu Diskussionen in großer Zahl herbeizuführen” (H. 4, 1961).

Die Artikel der twen wurden immer wieder durch humoristische Beiträge unterbrochen, die zum ironischen Ton der Zeitschrift beitrugen. Das Oktoberheft 1959 bot der Leserschaft etwa die praktische Anleitung  „Wie beseitige ich meinen Chef?”. Methode 4 schlug zur „Beseitigung“ des Vorgesetzten nonchalant vor: „Fotografieren Sie Ihren Chef auf dem Dach seines Hochhauses anläßlich des Besuches von Innenminister Schröder und bitten Sie ihn, fünf Schritte zurückzutreten. Ihren Chef natürlich. Selbstkosten: 1 Kranz mit Schleife, DM 3,50.“ Mit moralisierender Kritik ging die Zeitschrift ebenso selbstbewusst und lässig um. Nicht nur mit der wiederkehrenden Selbstbezeichnung der twen-Lesenden und Schreibenden als „Halbstarke“ machte sie sich die verunglimpfende Wortwahl ihrer Kritiker zu eigen. Im August-September Heft 1961 titelte die Zeitschrift in neon-pinken Lettern „Dies Heft ist gefährlich / meinen unsere Gegner / und was meinen Sie?“ Selbstbewusst spielte der Titel auf eine gerichtliche Auseinandersetzung zwischen der Redaktion und dem Präsidenten des Bayrischen Jugendrings an, über die der SPIEGEL im August 1961 berichtet hatte. Der twen-Gründer Theobald war gerichtlich gegen Äußerungen des Präsidenten vorgegangen, der die twen des „Superindividualismus ohne Bindung an Gesellschaft und Moral“ beschuldigt hatte. Theobalds Klage blieb jedoch erfolglos, sodass der Jugendfunktionär die twen in der Öffentlichkeit weiterhin als „jugendverderbend“ hinstellen durfte (SPIEGEL 32/1961). Ob das die Jugend wirklich vom Kauf der Zeitschrift abhielt, darf eher bezweifelt werden. Vor Anstoß schreckte die twen definitiv nicht zurück. Sie wagte es im Februarheft 1962 sogar, den Kölner Karneval als „doof“ zu bezeichnen – und das als ursprünglich in Köln herausgegebene Zeitschrift!

Ein Kristallisationspunkt für Kritik am twen-Programm blieb, dass es sich immer wieder um ein Thema drehte: Sex. Aufmacher wie „6 Frauen über Jungfräulichkeit“ (H. 6, 1962), „Sex und ledige Mädchen” (H. 6, 1963), „Dies war das Jahr Sex und Sexig“ (H. 12, 1966), oder „Wie hoch ist Ihr Sex-Quotient?“ (H. 4, 1969) waren nur die Spitze des Eisberges. Die Forderung nach sexueller Aufklärung in der Schule stilisierte die twen im Aprilheft 1969 zum „Klassenkampf um die Pille” und kommentierte bissig: „Wenn Fahrlehrer ihre Schüler so auf den Straßenverkehr vorbereiten würden, wie Schullehrer heute junge Menschen aufs Leben vorbereiten, würden die Aufsichtsbehörden einschreiten, ihnen Berufsverbot geben, sie für alle Unfälle haftbar machen, ins Irrenhaus stecken.” Vor „Uni-Sex” machte die twen ebenso wenig halt und berechnete die „Potenz” der westdeutschen Universitäten. Die Universität zu Köln landete mit dem Index-Wert 9 von möglichen 14 Punkten immerhin oberhalb des Mittelwertes der BRD-Universitäten (H. 11, 1968). Sexualität inszenierte die twen ab der zweiten Hälfte der 1960er dabei nicht mehr nur über die Text-, sondern auch über die Bildebene, denn die jungen Frauen auf den Titelseiten wurden in voyeuristischer Manier immer häufiger unbekleidet und in mal mehr, mal weniger aufreizenden Posen abgelichtet.

Populär blieb die Zeitschrift trotz – oder vielleicht gerade wegen - der vielen Kritik. Ihre Auflagestärke rangierte zwischen 100.000 und – zu Bestzeiten – einer Viertelmillion. Seit 1960 erschien sie zweimal, ab Mai 1961 dreimal monatlich, wobei sie mehrmals die Verlags-Hände wechselte: Zunächst bei M. DuMont Schauberg in Köln erschienen, zog sie im Oktober 1960 zu Theodor Martens & Co. nach München um, wo auch die Illustrierte QUICK verlegt wurde. Nach einigen kürzeren Aufenthalten bei unterschiedlichen Verlagen ging die twen im April 1969 an Gruner+Jahr, Verlag des sterns, wo sie 1971 als nicht rentabel befunden und eingestellt wurde – mit einem geschätzten Jahresverlust von 1,5 Millionen Mark. Von den insgesamt 129 erschienenen Ausgaben gestaltete Fleckhaus 124, bis er mit der letzten Ausgabe des Jahres 1970 auf Druck des Chefredakteurs des sterns, Henri Nannen, die Arbeit niederlegen musste.

Versuche, die twen zu Beginn der 1980er-Jahre zu reanimieren, scheiterten zwar. Im Jahr 2025 lesen sich die geführten Diskurse – sei es um die Notwendigkeit der Wehrpflicht, die mangelnde Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, die Erfahrungen schwarzer Menschen im öffentlichen Raum oder die deutsche Vergangenheitsbewältigung – jedoch wieder höchst aktuell. Im Sinne der Gender Studies rückt die Inszenierung von Weiblichkeit (nicht nur durch die männlich-dominierte Redaktion) in den Blick und eröffnet die Frage nach weiblicher Fremd- und Selbstdarstellung zwischen Sexualisierung, Emanzipation und Kommerz. Nicht zuletzt bieten die Foto-Beiträge sich an, im Kontext der Internationalisierung von Pop- und Werbekultur kunst- und kulturhistorisch erschlossen zu werden. In der Arbeitsstelle liegt die twen mit Lücken für den Zeitraum Oktober 1959 bis Mai 1971 im Original vor.

Diese Ausgabe des Publikationsorgans steht hier zum Download (als PDF) zur Verfügung.
 

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