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Das Historische Institut trauert um Prof. Dr. Volker Barth (1974-2021)

Volker Barth studierte Geschichte und Ro­manistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Univer­sité Paris I – Panthéon Sorbonne. Hier erwarb er zuerst die Maîtrise d’histoire und dann an der École des Hautes Études en Sciences Sociales das Diplôme d’études approfondies im Fach Histoire et Civilisation. Auch seine Dissertation, die in co-tutelle in München wie in Paris betreut wurde, schlug eine Brücke zwischen den na­tionalen Wissenschaftskulturen. Nach der Promotion forschte Volker Barth als Research Fellow am Centre de recherches interdisciplinaires sur l’Allemagne und wirkte als Wissenschaftlicher Berater des Bureau International des Expositions in Paris. Von 2008 bis 2019 forschte und lehrte er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Akademi­scher Rat und Vertreter einer Professur am Hi­storischen Institut der Universität Köln, wo er sich im Jahr 2017 ha­bilitierte. 2020 übernahm Volker Barth den Lehrstuhl für Kultur- und Mediengeschich­te an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.

Über alle Ortswechsel hinweg blieb die Weltmetropole Paris Volker Barths Lieblingsstadt. Sie war ihm der Mikrokosmos einer Welt, die er sich dank seiner exzellenten Sprachkenntnisse mit nimmermüder Neugier an fremden Menschen und Kulturen erschloss. Volker Barth lebte zeitweilig in Uruguay, reiste mit Begeisterung zu wissenschaftlichen Konferenzen diesseits wie jenseits des Atlantiks und nach Asien, besuchte unzählige Bibliotheken und Archive im Ausland, knüpfte dichte Netzwerke der Freundschaft und Kooperation über die Kontinente, kurz: Er war in der ganzen Welt zuhause.

Inszenierung und Wahrnehmung der Welt bildeten das Leitmotiv von Volker Barths wissenschaftlichem Werk. Das gilt schon für seine Dissertation, die 2007 unter dem Titel „Mensch versus Welt. Die Pariser Weltausstellung von 1867“ erschien. Sie deutet die Ausstellung als Versuch, die ganze Welt in einer Art Mikrokosmos abzubilden, als ein gigantisches Unternehmen, das durch räumliche-zeitliche Verdichtung nationaler Kulturen eine Art Generalarchiv der mensch­lichen Zivilisation entwerfen wollte. Auch die Habilitationsschrift untersucht Medien, welche die Wahrnehmung der Welt strukturierten. Sie erschien im Jahr 2020 unter dem Titel „Wa(h)re Fakten. Wissensproduktionen globaler Nachrichtenagenturen“. Die dort untersuchten vier Agenturen, Havas und Reuter, Wolff‘s Te­legrahisches Bureau und die Associated Press, zählten im späteren 19. und früheren 20. Jahrhun­dert zu den einflussreichsten globalen Akteuren. Sie produzierten Nachrichten mit Hil­fe technischer Verfahren und organisierten deren weltweite Zirkulation durch unterschiedliche Medien wie Telegraf, später Telefon oder Funk. Dabei ver­breiteten sie die Ware Nachricht als eine eigenständige, kontextgebunde­ne und hybride Form von Wissen. Um Inszenierung, hier um die Selbstinszenierung von Herrschern geht es auch in dem 2013 publizierten Buch „Inkognito. Geschichte eines Zeremoniells“. Volker Barth beschreibt das Inkognito zeitlich weit ausholend als ein sich verfestigendes und an immer klarere Regeln gebundenes Zeremoniell, das einen bewussten, zweckgebundenen und temporären Identitätswechsel ermöglicht. Dieses Spiel mit Identitäten hat Volker Barth fasziniert, und er hat viel über Fremd­heit und Alterität nachgedacht. Ihm war stets bewusst, was es hieß, fremd zu sein, im Anderen das Fremde zu ergründen und darüber das eigene Ich zu bestimmen. 

Theoretisch reflektiert und methodisch versiert griff Volker Barth in seinen Arbeiten auf breiter Quellengrundlage neue Ansätze aus unterschiedlichen Disziplinen auf, entwickelte sie souverän weiter und leistete so ebenso substantielle wie eigenständige und nicht zuletzt bleibende Beiträge zur historischen Forschung. Auf Konferenzen zeigte er sich als ein versierter Diskutant, der das wissenschaftliche Gespräch mit klugen Gedanken und seinem stupenden Wissen bereicherte. Der vielseitige Forscher war ein begeisterter akademische Lehrer, der gemeinsam mit den Studierenden Neues zu entdecken und sie für die Beschäftigung mit der Geschichte einzunehmen wuss­te. Eine Generation von Historikerinnen und Historikern hat davon profitiert. Volker Barth hat als Wissenschaftler und akademischer Lehrer, als Kollege und Freund eine große Lücke hinterlassen.

Sein früher Tod ist unfassbar für alle, die ihn kannten.

Wir sind in Gedanken bei ihm, seiner Frau und seinen beiden Kindern.